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Ein gutes Projekt mit falschem Schwerpunkt

Stellungnahme zum Projekt Digitaler Landgenuss – Sitzung des Ausschusses für Umwelt und Regionale Entwicklung vom 28.10.2020

 

Als einzigem in Bayern ist es unserem Landkreis gelungen, eine Förderinitiative von BMI/BMEL von gut 450.000 € für Erzeugung und Vermarktung gesunder Lebensmittel, sowie für entsprechende Bildungsmaßnahmen im Landkreis Cham zu erhalten.
„Das wäre nun die ideale Chance, den Willen von gut 15.500 Wahlberechtigten, die beim Volkbegehren für mehr Artenvielfalt in den Rathäusern des Landkreises dafür unterschrieben haben, zu respektieren” bemerkt Dr. Stefan Scheingraber, der sich als ÖDP Frontmann im Landkreis für das Volksbegehren stark gemacht hatte.
Am 24.7.2019 hat sich der Freistaat Bayern zur Auflage gemacht, die ökologische Landwirtschaft im Jahr 2025 auf mindestens 20% und im Jahr 2030 auf mindestens 30% zu erhöhen. Zur Erreichung dieses Ziels ist der Freistaat auf die aktive Mitwirkung der Kommunen angewiesen. Mit einem Anteil von gut 3% ökologischer Landwirtschaft (AELF Cham: 3,1%, Stand 2016) sind wir im Landkreis meilenweit von dieser – freilich landesweit geforderten – Zielvorgabe entfernt.„Stattdessen legt Landrat Löffler den Schwerpunkt auf „Regionalität” und der „Ökolandbau 2030” wird nur beiläufig als eines der Projektziele erwähnt” kritisiert Kreisrat Dr. Scheingraber im Anschluss an die Sitzung des Umweltausschusses. Und er stört sich daran, wenn er dort hören musste: „Man wird ganz blass im Gesicht, wenn man sich anschaut, was Bio kosten würde”, „die Landwirte trauen sich noch nicht ganz” oder gar „80% finden Bio gut, aber letztlich geht davon nur ein einstelliger Prozentsatz in die Läden und kauft Bio”. „Gerade Letzteres hält jedoch einem Faktencheck nicht stand”, so Scheingraber. Die im Auftrag des BMEL 2018 durchgeführte infas-Studie ergab, dass 78% der Verbraucher in Deutschland Bioprodukte kaufen. Ein Viertel gibt an, dies häufig zu tun.

Alfons Vogl, ÖDP Gemeinderat und Bio-Landwirt aus Tiefenbach hält den vielzitierten Begriff „Regional” nur für vorgeschoben:
„Unter „Regionalität” werden üblicherweise Produkte der konventionellen, intensiven Landwirtschaft angeboten. Im Gegensatz dazu, ist der Begriff „Bio” geschützt und mit klaren Standardanforderungen versehen.”


Im Bereich Tierhaltung bzw. des Tierwohls bedeutet demzufolge „regional”, dass für Schweine schon eine Boxengröße von 0,75 m2 ausreichend ist. Ebenso gilt als „regional”, wenn in der Tiermast als Futter Soja eingesetzt wird, das aus Südamerika importiert wurde, und unter Umständen sogar als Anbauprodukt aus den durch Brandrodung des Amazonas neu geschaffenen landwirtschaftlichen Flächen stammt.
Bei der „regionalen” Eiererzeugung wird weltweit erzeugtes Legemehl verwendet, das u.a. Fischmehl enthalten darf, welches aus Abfallprodukten großer Fangflotten gewonnen wird.
Die Produktion „regionaler” Lebensmittel setzt einen Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden voraus, die erstens unter erheblichen Energieeinsatz produziert werden, zweitens - wie erst kürzlich nachgewiesen - eine erhebliche Verbreitung über Staubpartikel in der Luft aufweisen und sich schließlich negativ auf die Artenvielfalt, sowie die Stickstoffeinträge in das Grundwasser auswirken. 


Die mantraartige Projektausrichtung auf „Regionalität” verwundert allerdings nicht. Denn in der derzeitigen Zusammenstellung der Projektgruppe finden sich Partner, die sich aktiv gegen die Zielsetzung des Volksbegehrens für mehr Artenvielfalt „Rettet die Bienen” ausgesprochen haben- in Diskrepanz zu der Tatsache, dass das Volksbegehren 1:1 in Gesetzesform gegossen und von Ministerpräsident Dr. Markus Söder in seinen Zielvorgaben aktiv priorisiert wurde und wird.

Gegen Bioprodukte wird oft ins Feld geführt, dass diese nicht regional erzeugt werden könnten und prinzipiell teurer seien. Aber hier benötigt es laut Vogl einer Richtigstellung:
„Es gibt beispielsweise genügend im Landkreis Cham erzeugtes Biorindfleisch, das beispielsweise in Genossenschaften wie einer großen schwäbischen Biosupermarktkette vermarktet wird. In Cham und Schwandorf sind große Molkereien ansässig, die „Biomilch” getrennt verarbeiten und in ihrem Portfolio reichlich Bioprodukte anbieten. Das Angebot von regional produziertem Obst und Gemüse liegt im Biobereich sogar höher als im konventionellen Bereich, trotz des nur geringen Prozentsatzes der ökologisch wirtschaftenden Betriebe an der Gesamtzahl der Landwirtschaftsbetriebe. Preislich kann Bio mit Regionalaufschlägen mithalten.

Das Projekt im Rahmen des Förderprogramms „Digitaler Landgenuss” sollte deshalb lieber auf einen Imagewandel der ökologischen Landwirtschaft hinwirken:

 

Bioprodukte sollten künftig nicht mehr als exotisch und überteuert gebrandmarkt werden, sondern eher als normaler Standard gesehen werden, im Gegensatz des unter Chemieeinsatz hochgezüchteten Produkts. Das Projekt Digitaler Landgenuss böte hierfür eine ideale Chance.